Lieber Unbekannter,
heute Morgen bin ich von einem ungewöhnlichen Geräusch geweckt worden. Noch halb im Schlaf setzte ich mich kerzengerade auf meinem Fell auf. War das ein Hämmern? Mein Herz schlug schneller, während ich versuchte, die Quelle des Lärms zu lokalisieren. Doch alles, was ich hören konnte, waren die Grillen und die Vögel, die ihr morgentliches Konzert gaben. Einige Sonnenstrahlen bahnten sich den Weg durch den Spalt am Zelteingang und blendeten mich leicht. Genervt ließ ich mich zurück auf das Fell fallen, nur um kurz darauf wieder das Hämmern über die Lichtung schallen zu hören. Sofort sprang ich auf, streifte mir mein Kleid über und steckte meinen Kopf, auf dem meine ungekämmten Haare in alle Richtungen standen, durch den Zelteingang.
Das blendende Sonnenlicht zwang mich zu blinzeln, aber durch meine zu Schlitzen verengten Augen konnte ich an dem Eingang zur Lichtung erkennen, dass dort jemand war und an etwas herumfummelte. Mit einem schnellen Ruck riss ich die Zeltplane zur Seite und rief laut: „Hey da, was machen Sie da?“
Die Person drehte sich um und zu meiner Überraschung erkannte ich Auni, den Sohn von Bauer Badruu. „Oh, hallo Nahrle, ich wollte dich nicht wecken“, sagte er entschuldigend. Verwundert musterte ich ihn. „Auni? Was machst du da?“ fragte ich, als ich bei ihm ankam.
Neben Auni lag ein großer Rucksack und davor stand ein runder Holzpfosten, den Auni scheinbar gerade mit dem großen Hammer in seinen Händen in den Boden getrieben hatte. Auni grinste und zeigte auf seinen Rucksack. „Da ich hier für die Post und Botengänge zuständig bin, habe ich dir einen Postkasten gebaut. Du hattest keinen und da dachte ich, du würdest dich freuen.“
Sein Gesicht strahlte vor Erwartung, und ich konnte das Hoffen in seinen Augen sehen. „Natürlich“, antwortete ich lächelnd. Seine Freude war ansteckend.
„Auch wenn du etwas zu verkaufen hast, kannst du es in den Kasten legen“, erklärte er weiter, „und ich hole es dann ab und bringe es nach Zeki zum Verkaufen. Natürlich bringe ich dir bei meiner nächsten Runde das Geld vorbei.“
„Oh, okay“, erwiderte ich, immer noch etwas benommen von dieser unerwarteten Geste.
„Ich bin immer so um 6 Uhr morgens und 6 Uhr abends bei dir, bevor ich nach Hodari weiterlaufe und abends halt, nachdem ich bei Hodari war. Ich hoffe, das passt dir.“ Wieder dieses fragende Gesicht von Auni, das mir zeigte, wie sehr er sich um die Details sorgte.
„Äh, ja klar, danke Auni, das finde ich wirklich toll. Kann ich dir helfen?“ fragte ich, nun vollständig wach und neugierig, was er noch vorhatte. Doch er lehnte dankend ab, hob einen selbstgebauten Postkasten aus dem Rucksack und setzte ihn auf den Pfosten.
„Schau, ich habe sogar deinen Namen eingeschnitzt“, sagte er stolz und zeigte auf den Kasten.
„Oh, danke“, sagte ich, während ich auf die Buchstaben „Nhahare“ schaute. Ich musste über die kleine Unachtsamkeit schmunzeln. „Okay, wenn ich dir nicht helfen kann, dann werde ich mal meine Tasche packen und zum Drachenschrein ziehen. Chayenne möchte mich dort treffen.“ Chayenne ist der Priester des Dorfes Kilima.
Auni lachte. „Okay, aber vielleicht solltest du...“ Er zeigte auf meine Haare, die in alle Richtungen abstanden.
„Oh mein Drache!“ rief ich und rannte zurück zu meinem Zelt. Nachdem ich mich angezogen und meinen Rucksack gepackt hatte, verabschiedete ich mich noch schnell von Fridolin, meinem treuen Begleiter, und machte mich auf den Weg.
Der Morgen war kühl und erfrischend, als ich den Weg zum Dorf hinunter und über die weiten Felder vor dem Dorf nahm. Ich genoss die frische Luft, lauschte den Geräuschen der Natur und beobachtete die Chappaas und Schmetterlinge, die in der frühen Sonne tanzten. Die Geräusche der Windmühlen, das Summen der Insekten und das entfernte Blöken der Schafe vermischten sich zu einer harmonischen Melodie, die mich beruhigte und meinen Geist klärte.
Gegen Mittag erreichte ich den Fluss, der vor einer Hügelkette floss und hinter der sich das kleine Tal des Drachenschreins befand. Das kühle, plätschernde Wasser des Flusses lud mich ein, meine Füße zu kühlen. Kleine Fische schwammen um meine Knöchel und das Wasser fühlte sich erfrischend und belebend an. Ich genoss diesen Moment der Ruhe und Verbundenheit mit der Natur.
Nachdem ich die Brücke überquert hatte, führte der Weg durch eine kleine Klamm zwischen der Bergkette direkt in das Tal des Drachenschreins. Die Atmosphäre änderte sich sofort. Viele Bäume, blühende Wiesen, einige Pavillons und unzählige Schmetterlinge säumten den Weg. Es fühlte sich an, als wäre ich in eine andere Welt eingetreten, eine Welt voller Magie und Frieden.
Nach kurzer Zeit erkannte ich eine riesige Treppe, die links vom Weg nach oben führte. An deren Ende sah ich ein großes Bauwerk, eine Art halbrundes Dach, getragen von vielen Säulen. Die Treppen waren steil und der Aufstieg mühsam, aber ich wusste, dass es sich lohnen würde.
Oben angekommen, auf einem großen Platz, traf ich Chayenne. Die Hälfte des Platzes unter dem Pavillon war eine Art künstlicher Teich. Auch ein Teleskop, das in Richtung der Sonne zeigte, war zu erkennen. Es war ein magischer Anblick.
Chayenne begrüßte mich anmutig mit ausgestreckten Armen. „Willkommen, Nahrle. Es freut mich, dass du meine Einladung angenommen hast“, sagte er mit einem warmen Lächeln.
„Danke, Chayenne. Es ist wirklich wunderschön hier“, antwortete ich, während ich mich umblickte.
„Es lohnt sich, den Drachen zu ehren“, erklärte er. „Das würden auch die anderen Dorfbewohner merken. Es ist magisch. Der Glaube kann heilsam sein und dir helfen, schneller zu lernen und zu verstehen.“
Er erklärte mir, wie das geht: niederknien, die Augen schließen, die Arme ausbreiten und dem Drachen danken. Anfangs fühlte ich mich etwas unbeholfen, aber ich folgte seinen Anweisungen. Tatsächlich, nach einiger Zeit des Meditierens und Dankens, schien eine Art silberner Schimmer um mich zu schweben, welcher langsam aus dem Boden rund um mich herum in den Himmel aufstieg. Dort, wo der Schimmer meine Haut berührte, war er angenehm kühl. Ich fühlte eine tiefe Ruhe und Verbundenheit, fast so, als würde ich ...
Nach der Zeremonie lächelte Chayenne mich freundlich an. „Ich wusste, dass du empfänglich für den Drachen bist“, sagte er.
Ich nickte. „Es war... unglaublich. Ich habe mich noch nie so... verbunden gefühlt.“
Chayenne setzte sich neben mich und fragte: „Was hast du gefühlt?“
„Es war, als ob ich ein Teil von etwas Größerem wäre“, antwortete ich nachdenklich. „Eine tiefe Ruhe und gleichzeitig eine Art von Aufregung. Ich kann es kaum in Worte fassen.“
„Das ist der Weg des Glaubens“, erklärte Chayenne. „Er kann dir helfen, deine Fähigkeiten zu entwickeln und dein Verständnis zu vertiefen. Du bist jetzt ein Stück näher an deinem wahren Selbst.“
Unsere Unterhaltung vertiefte sich, und ich fühlte mich zunehmend willkommen und vertraut mit Chayenne. Schließlich begleiteten wir uns gegenseitig zurück. Chayenne begleitete mich bis zur Abzweigung, wo es zu meiner Lichtung ging.
„Danke, Chayenne“, sagte ich zum Abschied. „Ich werde das nie vergessen.“
„Es war mir eine Ehre“, antwortete er und verbeugte sich leicht.
Spätabends kam ich an meinem Postkasten vorbei. Ich öffnete ihn und viele, viele Briefe fielen vor mir auf den Boden. Erstaunt sammelte ich alle auf und begab mich auf meine Couch, zündete eine Kerze an und schaute alle Briefe durch. Scheinbar hatte mir jeder aus dem Dorf geschrieben. Auch Roran hatte mir geschrieben, und jemand namens Marnok. Er scheint der Oberste einer menschlichen Gemeinschaft zu sein, von der Roran erzählt hatte. In allen stand mehr oder weniger das Gleiche: Jeder lud mich zu sich...
Mit feuchten Augen und überwältigt von den vielen Einladungen, nahm ich mir vor, morgen alle Briefe zu beantworten und jede Einladung anzunehmen. Zu Fridolin gewandt, sagte ich: „Siehst du, wir sind nicht alleine hier.“ Ich kniete mich zu ihm herunter, befreite ihn aus seinem Netz und gab ihm etwas von den Morcheln, die ich auf dem Weg gefunden hatte. „Du kannst gehen, ich würde es nicht über das Herz bringen, dich auszunehmen.“
Wieder stoppte Fridolin bei meinen Worten mit seinen Kaubewegungen. „Manchmal glaube ich, du verstehst mich“, sagte ich und legte den Kopf schief. „Aber nun geh, such dir einen Fluss oder einen Teich... du bist frei.“
Fridolin zögerte einen Moment, dann krabbelte er langsam davon. Irgendwie befreit, ausgeglichen und behütet, zog ich mich eine alte Decke bis zur Nase und schlief auf meinem Fell ein.
In meditativer Verbundenheit
Nahrle